Wir halten uns im Vergleich zu den Tieren für die intelligentesten Geschöpfe dieser Erde. Der Grund ist unser verhältnismäßig großes Gehirn, das etwa 40% der ganzen Energie verbraucht, die wir durch Nahrung aufnehmen. Eine Voraussetzung dafür soll die Beherrschung des Feuers gewesen sein. Gebratenes, geräuchertes oder gekochtes Fleisch ist besonders bekömmlich und lässt sich länger konservieren. Die Beherrschung des Feuers setzt aber schon eine Grundintelligenz voraus. Was war also zuerst da? Das Gehirn oder die Intelligenz? Da haben wir es wieder: Das Henne und Ei-Problem.
Neandertaler konnten auch mit dem Feuer umgehen, aber haben sich von den Primaten evolutionär in mehreren hunderttausend Jahren nicht wesentlich absetzen können. Aufgrund einer eher starren Wirbelsäule und einer verhältnismäßig einsilbigen Sprache sollen sie nicht so ausdauernd in Gruppen gejagt haben, um Nahrungsüberschüsse anhäufen zu können.
Ich meine, dass diese Theorien den wesentlichen Unterschied des homo sapiens zu den vielen anderen Arten nicht überzeugend erklären. Der entscheidende Unterschied scheint doch darin zu bestehen, dass wir Menschen ständig auf der Suche nach Grenzüberschreitung sind und uns deshalb mit dem einmal Erreichten nicht zufrieden geben können. War das wirklich nur das Ergebnis einer zufälligen Laune der Natur (auch Mutation genannt) vor etwa 50.000 Jahren in Afrika? Vielleicht sind wir ja der evolutionäre GAU und wollen es nur nicht wahrhaben? Eventuell steckt aber auch mehr dahinter.
Die moderne Gehirn- und Intelligenzforschung hat einige neue Erkenntnisse gewonnen, die vielleicht etwas Licht ins Dunkel bringen können. Als Intelligenz bezeichnet man heute allgemein die Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und optimale Problemlösungen zu finden. Dabei kommt es darauf an, sich möglichst viele Lösungswege auszudenken und sie miteinander zu vergleichen. Am einfachsten kann man das sicher an einem Schachspiel erklären. Aber das Leben ist natürlich unendlich mal komplexer. Hier echte neue Lösungen zu entwickeln ist um einiges aufwendiger, wenn man die reine Denkleistung als einzelne Rechenoperationen darstellt, die hintereinander ablaufen. Wir wissen heute, dass unser Verstand zu echter Intelligenz nicht fähig ist, da er nur wenige Aspekte gleichzeitig behandeln kann und eher lineare Ursache-Wirkungsketten erwartet. Zum Glück kann das Gehirn auch anders. Dabei muss der Verstand aber möglichst abgelenkt sein oder sich im Schlafzustand befinden. Dies haben kürzlich auch Tests an Studenten der Berkeley University gezeigt. Dort schnitten diejenigen bei einer Prüfung am besten ab, die nicht noch einmal vorher gebüffelt haben, sondern sich mit einem Zeichentrickfilm ablenkten (Welt der Wunder 4/08 – S. 58). Dass echte Probleme am besten im Schlaf gelöst werden können, hat die Schlafforschung auch unlängst bewiesen. Interessant sind auch neuere Erkenntnisse in Bezug auf die Wirkung von Musik auf die Intelligenz. Die Beschäftigung mit Musik verbessert die analytische Intelligenz um bis zu 50%. Kinder, die Musik machen, lernen mathematische Zusammenhänge mit spielerischer Leichtigkeit. Leider wird dies in unserem Schulsystem selten genutzt. Nach dem Pisa-Schock muss man den Eindruck gewinnen, dass musische und künstlerische Fächer heute eine noch geringere Bedeutung als früher haben. Vielleicht führen diese neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu, dass sie in unserem Bildungssystem auch einmal angewandt werden …