Die Diskussion über die Steuerhinterziehung zeigt eindrucksvoll die Erosion der Moral in unserer Gesellschaft. Allen Steuerzahlern wird klar, was sie schon immer wussten oder zumindest ahnten: Hier wird mit unterschiedlichen Maßstäben gewertet. Wenn Superreiche Steuern hinterziehen und dabei erwischt werden, dann ist das Strafmaß erträglich, weil esnur als „Vergehen“ bewertet wird.
Wenn sie sich selbst anzeigen, bevor die Steuerfahndung sie ertappt hat, dann müssen sie nur die Steuern mit Zinsen zurück zahlen. Wenn sie auffliegen, dann gibt es zusätzlich ein verkraftbares Bußgeld und eine Bewährungsstrafe. Das macht den steuerrechtlichen Fehltritt zum Bagatelldelikt und für die Steuersünder hervorragend kalkulierbar. Allerdings nur, wenn es um Millionen geht und insbesondere wenn diese im Ausland „geparkt“ wurden.
Die Wirkung dieser Meldungen ist dramatisch. Sie verstärken das Gefühl, dass der „Ehrliche immer der Dumme“ ist. Das ist Wasser auf die Mühlen der Linken und ein nicht rückholbarer Beitrag zur Erhöhung der Politikverdrossenheit. Hier wird der Anspruch des „Rechtsstaats“, Gerechtigkeit walten zu lassen, öffentlich aufgelöst und unglaubwürdig. Es wird wieder deutlich, dass für „die, da Oben“ andere Regeln gelten als für die Normalbürger. Ist die Erosion unserer Werte noch aufzuhalten?
Die Gehirnforschung hat gezeigt, dass fast jeder Mensch ein untrügliches Gefühl für Richtig und Falsch besitzt. Dies ist nur zu einem geringen Teil das Ergebnis der Sozialisation. Wertimpulse sind ein wesentlicher Ausdruck der Persönlichkeit und des Charakters. Aber warum werden die Meldungen unseres Gewissens immer häufiger missachtet? Die Wirtschaftswoche hat kürzlich einen netten Artikel dazu mit dem Titel „Wie viel Teufel steckt in Ihnen?“ verfasst. Dabei ging es um die Ergebnisse einer Managerbefragung, nach der man den Eindruck haben musste, dass gewissenloses Handeln in der Wirtschaft schon längst Routine ist. Dies sei im System begründet, dass Vorstände und Analysten die Messlatten für den Erfolg immer höher legen würden. Gerade bei Börsennotierten Unternehmen wäre das der Fall, um noch mehr Aufmerksamkeit zu erzielen.
Die Management-Beratung Kienbaum hatte Daten von 4300 Vorständen aus 1300 Unternehmen erhoben. Während die Bezüge für Top-Manager in Dax-Unternehmen 2009 um durchschnittlich 23 Prozent wuchsen, zahlten nicht-börsennotierte Gesellschaften ihren Vorständen „nur“ 13 Prozent mehr. Dies stützt die Vermutung der Wirtschaftwoche.
Die Gier nach immer mehr Gewinn kennt sicher keine ökonomischen Grenzen. Gerade in einer globalisierten Wirtschaft meinen viele Unternehmen, dass sie sich dieses leisten könnten. Nokia ist ein Beispiel dafür. Hier zeigt sich, dass der Traum von der sozialen Marktwirtschaft nur mit echten Menschen realisiert werden kann, aber nicht mit anonymisierten Riesenkonzernen. Dort gibt es keine persönliche Verantwortung mehr, sondern nur noch der Blick auf unbekannte Aktionäre, Fonds und Finanzmärkte. Was ist dann aber noch unser Verfassungsgrundsatz zur „Sozialpflichtigkeit des Eigentums“ wert?
Die großen Unternehmen nutzen häufig die Ressourcen der Gemeinschaft wie Bodenschätze, Energien und Arbeitskräfte. Wenn aber der Wandel vom Gemeinwohl zum „Meinwohl“ fortschreitet, werden die sozialen Konflikte wieder zunehmen. Stabile Gesellschaften können auf einer Mentalität des Egoismus, der Korruption und des Trittbrettfahrertums nicht entstehen. Wird die Elite unserer Gesellschaft irgendwann erkennen, dass das so nicht weiter gehen kann? Die Werte brauchen nicht neu geschaffen werden, sie müssen gelebt werden. Das ist eine enorme Herausforderung und wahrscheinlich sogar der eigentliche Grund, warum es uns gibt …